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Gastmarschiererfibel 1995

Ursprünglich wurde dieser Artikel im Jahre 1995 von Christoph U. und Stefan S. erstellt, um Gastmarschierern die Gepflogenheit des Neusser Schützenfests und bei den Pittermännches im Besonderen vorzustellen. Lange war der Text in den Archiven verschwunden - jetzt ist er durch Zufall wieder aufgetaucht und gibt einen Eindruck vom damaligen aber auch in weiten Teilen vom heutigen Ablauf des Neusser Bürgerschützenfests:

Probemarschieren (Freitag nachmittag)

Seit vielen Jahren schon treffen wir uns bei zünftiger Marschmusik aus dem Ghettoblaster auf dem Parkplatz von Aldi an der Moselstraße zur Marschübung. Hier wird das Zugmitglied in jeder Hinsicht marschfertig gemacht. Wenn nach langem Warten schließlich alle Aktiven eingetroffen sind, wird unter Anweisung des diensthabenden Chargierten an Technik und Ausdruck des Marschierens gefeilt, es soll ja noch immer Einzelne geben, die mit 'Rechts Um!' Schwierigkeiten haben. Nach etwa zwei Minuten sind wir wieder in Top Form und bereit 'för de Maat'. Fehlende Ausrüstungsgegenstände wie Gewehrsträuße, Handschuhe oder Schulterklappen werden hier ausgegeben. Der Schütze wird gemäß seines Rangs bewaffnet - Gewehr für den gemeinen Schützen, Degen für die Chargierten. Man verabredet sich dann für den nächsten Tagesordnungspunkt, den

Kirmesplatzbummel

Mit Angetrauten, Freunden und Freundinnen treffen sich die Pittermännches normalerweise vor oder im Marienbildchen auf der Neustraße. Nach ein bis zwei, drei Bier macht sich die Runde, der bis dahin Eingetroffenen auf den Weg zum Platz. Meistens wird dabei jede Bierbude (außer Rhenania natürlich) hinter der Pegeluhr am Hafenbecken 1 angesteuert, so daß es nicht selten vorkommt, daß man den Platz mit den Karussells gar nicht erreicht. Dies ist umso erstaunlicher, da dieser Bummel ursprünglich dafür eingerichtet wurde, wenigstens einmal während der Tage über den Kirmesplatz zu gehen. Für den Fall, daß jemand irgendwo zurückbleibt oder den Anschluß verliert, so ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß man sich an der Uerigen-Bude gegenüber vom Autohaus Russin wiederfindet. Der Abend endet für die meisten gegen zwei, fängt morgens mit einem dicken Kater an den sich manche beim Böllerschießen zur offiziellen Kirmeseröffnung um 12.00 Uhr auf dem Wendersplatz wegtrinken. Nachmittags trifft man sich zum traditionellen

Chargiertengrillen (Samstag nachmittag)

Hier werden nicht die Chargierten gegrillt, sondern die Chargierten nehmen ihre wirklich wichtige Aufgabe wahr, nämlich das Einladen der übrigen Zugmitglieder und deren Freundinnen zu freiem Essen und Trinken. Sollten irgendwelche Orden oder Ehrenzeichen in Abwesenheit der Geehrten vergeben worden sein, so werden diese nachträglich ausgegeben und mit einem Gildetässchen besiegelt. Besiegelt ist auch das Schicksal desjenigen, da sich hinter dem Begriff Gildetässchen eine große Tasse hochprozentigen Alkohols verbirgt. Gegen 21 Uhr machen wir uns dann auf den Weg zum

Fackelzug

Mit dunklem Anzug, Gildehut und Fackel flaniert der Schütze über die Erftstraße vorbei am Drusushof zum Keyclub. Nach einigen Runden Bier marschieren wir gegen 22 Uhr in Marschblockformation durch die ehrwürdige Neusser Innestadt. Am Straßenrand begegnet der Schütze leuchtenden Kinderaugen und lecker Mädches. Bei sparsamer Haushaltung mit den Naturresourcen reicht eine Pechfackel für den gesamten Marschweg, der auf der Krefelder Straße in der Höhe der Gutenberg-Buchhandlung endet. Von hier aus geht es mit schnellen Schritten zum Dom, wo der Abend gegen Morgen ausklingt. Einige wenige treffen sich am nächsten Morgen um 8:20 Uhr im Qurinusmünster zur

Messe mit anschließendem Frühstück (Sonntag morgen)

Nach der bewegenden, dreigeteilten, ca. 30minütigen Predigt von Oberpfarrer Monsignore Dr. Schelauske und dem erhebenden Gesang des Quirinus-Liedes begibt man sich zum Frühstück ins Vogthaus. An üppiger Tafel versorgt sich der Schütze mit einer Grundlage für den Tag. Von dort geht es zum

Antreten

Gegen 10 Uhr tritt die Schützengilde auf der Büttgerstraße zwischen Drusushof und Ossi an, wobei der Major hier die Front abreitet und sich von dem tadellosen Zustand des Korps überzeugt. Die Züge rufen ihm zu Ehren ihren jeweiligen Schlachtruf. Kurze Zeit später marschiert die Gesellschaft über den Markt zum Wendersplatz, um sich auf die Parade einzustimmen. Auf dem Wendersplatz treten neben der Schützengilde auch die Hubertusschützen, die Schützenlust und die Scheibenschützen an. Der Oberst und sein Adjutant nehmen hier vor der eigentlichen Parade diesen Teil des Regiments ab. Hierbei ist auf den korrekten Sitz der Uniform zu achten, die normalerweise aber schon vorher von unserem Spieß überprüft wurde - Unkorrektheiten werden dabei unnachgiebig bestraft - , da der Oberst nicht zimperlich im Verhängen von Korpsstrafen ist. Im Anschluß nimmt auch der amtierende König noch mal seine Front ab. Danach hat man eine Menge Zeit um Leute zu treffen und Bier zu trinken. Gegen 13.30 Uhr beginnt für die Gilde die

Parade

Man marschiert 'de Maat erop' an Kommitee und König vorbei. Das Ganze ist in einer Viertelstunde gehalten. Die Gilde stellt sich anschließend auf dem Büchel auf und bejubelt sich und ihren Major ob der vollbrachten Leistung. Die Züge zerstreuen sich und wir gehen zum

Essen

Gegen 14.00-14.30 Uhr treffen wir uns an der jeweiligen Lokalität mit unseren Freundinnen und Frauen. Die Wahrscheinlichkeit Kirmes hinsichtlich des sonntäglichen Essens entäuscht zu werden, ist nicht gering. Deshalb sind wir froh, nunmehr das Thomas-Morus-Haus an der Adolfstraße als Maison Cuisine entdeckt zu haben, da wir pünktlich und gut versorgt werden. Diese prompte Bedienung ermöglicht unser pünktliches

Antreten zum Nachmittagsumzug

Man trifft sich gegen 17.00 Uhr auf dem Wendersplatz zum Antreten für den Umzug durch die Neusser Innenstadt. Dieser Zug ist wahrscheinlich der am besten besuchte während der Kirmestage. Wie bei jedem Umzug wird hiernach der inoffizielle Blumenkönig gekürt. Dieser muß auf der Festwiese, zu der der Zug führt, eine Runde Bier ausgeben. Der Umzug ist nach ein bis eineinhalb Stunden beendet, genauso wie der offizielle Teil des Schützenfests für diesen Tag.
Abends trifft man sich auf verschiedenen Bällen; so findet im Festzelt auf der Wiese der Grenadierball statt, während die Schützenlust in der Stadthalle feiert. In den frühen Morgenstunden begibt man sich dann nach Hause, um wenige Stunden zu schlafen. Dann steht man auf und geht zum

Frühstück (Montag morgen oder so)

Das sogenannte Frühstück wird im Anglo-amerikanischen auch als Brunch bezeichnet. So reicht die Palette des Warenangebots von einfachen belegten Brötchen bis hin zu kräftigen Suppen, um den Schützen mit einer ausreichenden Grundlage für den Tag zu versorgen. Je nachdem wie der letzte Abend endete, wird das Faß vor oder nach zwölf Uhr angeschlagen. Für viele ist das erste Getränk des Tages (nach dem Aufstehen) jedoch ein Glas Alt Bier. Die Tagesform entscheidet darüber, ob man bereits bei einem 10-Liter-Fäßchen scheitert oder kalt lächelnd ein Zwanziger anschlägt. Mitunter wird unser Zug - aus unerfindlichen Gründen - auch schon mal zu einem Schützenbiwak eingeladen, das das Frühstück ersetzt. Meistens ist man dann zu spät zum

Antreten für den Nachmittagsumzug

Wir treffen uns gegen 14.30 Uhr auf der Büttger Straße, von da aus geht es wieder zum Wendersplatz. Hier vertreibt man sich die Zeit bis zum Umzug in der üblichen Weise, um vielleicht gegen 16.30 Uhr loszuziehen. Der Zug endet auf der Festwiese mit einem Vorbeimarsch an unserem Major. Während des Umzuges werden die sogenannten Bank- und Bierwarte vorausgeschickt, um frühzeitig eine Sitzgruppe zu arrangieren und ein Faß Alt für durstige Marschierer bereitzustellen. Der Blumenkönig wird wiederum inthronisiert. Viele Bekannte und Unbekannte kommen mit einem leeren Bierglas vorbei und nutzen unsere Gutmütigkeit aus. Der ein oder andere nutzt die verbleibende Zeit, um sich nochmal frisch zu machen oder mit seinen Lieben auf den Kirmesplatz zu gehen, denn erst um 19.00 Uhr trifft sich das Korps auf der Industriestraße zum

Antreten für den Abendumzug

Die meisten essen kurz vorher noch etwas Fettiges (Backfisch, Reibekuchen), da mindestens einer auf die dumme Idee kommt, in der 'Industrieschänke' - ein Hort für arbeitslose Trucker - ein Tablett roten Alkohols (Genever oder Killepitsch) zu kredenzen. Die Gilde marschiert bei diesem Umzug an letzter Stelle, damit wir unbemerkt beim Zug durch die Zollstraße in die Mühlenstraße abbiegen können. An dieser Straße befindet sich die Bürgergesellschaft, der Veranstaltungsort des früheren Gildeballs und heutigen Gildetanzfestes. Normalerweise verbleiben wir hier nicht länger als eine gute Stunde und man sieht sich wieder im Festzelt beim Jägerball. Nachdem man im Sektzelt die Stühle zusammengestellt und sich zur Ruhe begeben hat, trifft man sich wieder zum

Frühstück (Dienstag morgen)

Dieses gestaltet sich genauso wie am Vortag, nur bei jemand anderem. Mehr oder weniger pünktlich geht man zum

Antreten

Am Drusushof treffen wir uns gegen 14.30 Uhr und marschieren wiederum zum Wendersplatz. Hier warten wir nicht aufs Christkind, sondern auf den

Nachmittagsumzug

Dieser Umzug ist der letzte mit der alten Majestät. Die Anwärter für den neuen König stehen schon fest und machen gerüchteweise die Runde. Der Umzug beginnt gegen 16.15 Uhr für uns. Wie bereits weiter oben geschildert, treffen wir uns nach dem Zug auf der Festwiese und versammeln uns zum

Königsschießen

Hier verschwindet der Spieß nicht ins Gebüsch, sondern um den Gesamtbetrag der Strafen zu ermitteln, der für die Verleihung des höchsten Zugordens herangezogen wird. Vergehen gegen die Zugführung oder gutes Verhalten werden jetzt nicht mehr berücksichtigt. Da die Führung des Spießbuches strengster Geheimhaltung unterliegt, gibt es vielfältige Spekulationen über den zu Ehrenden. Beginnend mit der Verkündung der Plätze in umgekehrter Reihenfolge wächst die Spannung ins Unermeßliche. Schließlich entlädt sich die Spannung in der erlösenden Bekanntgabe des Siegers. Nebenbei wurde mit der Ermittlung des Schützenkönigs begonnen. Nach 1 bis n Schüssen fällt der komische Holzkörper endlich von der Stange und die Stadt Neuss hat ein neues Oberhaupt. Le roi est mort, vive le roi nouveau. Nachdem die Lobeshymnen auf den neuen König verklungen sind und sich die Wiese geleert hat, begibt man sich zum letzten

Antreten an der Industrieschänke

Nach ein paar Kurzen begibt man sich in mehr oder weniger phantasievollem Aufzug zum letzten Zug durch die Neusser Innenstadt. Traditionell begleitet uns Frau Maria Cron (42 % alt) auf diesem schweren und stockenden Weg. Hat man sich erfolgreich durch die Menschenmassen auf Büttger- und Michaelstraße durchgekämpft, so geht es nocheinmal in geordneter Form und korrekter Uniform am neuen König vorbei über den Markt. Ob man anschließend noch zum Zapfenstreich an der Büttger Straße antritt oder der Alternativveranstaltung der Scheibenschützen beiwohnt, bleibt jedem selbst überlassen. Helm ab zum Gebet! Alle sehen sich aber vor dem Drusushof wieder. Hier wird abgerockt und getrunken bis in die frühen Morgenstunden.
Am Mittwochabend finden sich die Überlebenden mit ihrem Anhang zu einem ruhigen Grillabend bei einem Zugkameraden ein.

Noch 288 Tage bis zur Parade